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AIRBORNE FRACTALS (2000)für (Renaissance-) Blockflötenquartett Ordnung im Chaos - Chaos als Ordnungsprinzip der Schönheit "Sich in die Lüfte aufschwingende Fraktale" oder "durch Luft zum Leben erweckte Fraktale", so in etwa könnte man den Titel dieses Werkes ins Deutsche übertragen. Fraktale sind mathematische Gebilde aus dem Umfeld der Chaostheorie, die durch rekursive Rechenoperationen im Bereich der komplexen Zahlen entstehen und denen das Computerzeitalter zu bildlichen Darstellungen von atemberaubender Schönheit und schier unendlicher Ziseliertheit verholfen hat. Sie stellen eine weitere Wegkreuzung der Geschichten von Mathematik und Musik dar, und sind in den letzten Jahren zum Symbol geworden für die Verquickung der nur scheinbar polaren Ausrichtung der Begriffe Chaos und Ordnung, die sich in bestimmten Abläufen der Natur offensichtlich bedingen. Zwei Aspekte dieser Gebilde haben mich zur Komposition des Werkes inspiriert: der mathematische und der rein sinnliche, ästhetische, oder in anderen Worten: die Konstruktion und die Schönheit. Fraktale haben außergewöhnlich aufregende Eigenschaften: z. B. fransen die Ränder der Mandelbrotmenge immer weiter aus; dass der Rand fransig ist, sieht man mit bloßem Auge, doch wenn man sich mit Hilfe des Computers in das Fraktal weiter hineinzoomt, also den Vergrößerungsmaßstab verändern, wird man sehen, dass diese Fransen kein Ende nehmen. Je weiter man vergrößert, um so mehr Fransen tun sich auf. Es entsteht nun folgendes Paradoxon: wollte man den Rand des Fraktals einmal entlangfahren, so wäre diese Strecke wegen der niemals aufhörenden Fransen unendlich lang. Dieser unendlich lange Rand umschließt jedoch eine endliche Fläche. Eine weitere faszinierende Eigenschaft ist die Skaleninvarianz oder auch Selbstähnlichkeit. Das bedeutet, dass die Makrogestalt des Fraktals sich in allen möglichen Betrachtungsmaßstäben ähnlich, jedoch niemals vollkommen gleich wiederfindet. Die fransigen Ränder habe ich als Vorbild für den aufgeregt fluktuierenden Ensembleklang der virtuosen Abschnitte gewählt. Den mathematischen Aspekt findet man in ständig wiederkehrenden Abfolgen von sich entsprechenden Taktarten (5/2 - 5/4 - 5/8) sowie in Akkordstrukturen, die einem konstanten Distanzprinzip folgen und sich damit ebenfalls zu einander selbstähnlich verhalten. Der mathematische Begriff des Grenzverhaltens spiegelt sich musikalisch in extremen Spieltechniken , die mal an der Hörschwelle, mal hart am reinen Geräusch balancieren. Das alles war jedoch nur Materialinspiration und stand somit vor Beginn des eigentlichen Kompositionsprozesses. Ich wollte jedoch autonome Musik schreiben, die sich zwar in einzelnen Elementen der mathematischen Logik dieser Gebilde anvertraut, die aber auch ohne die Krücke der Verbildlichung auskommen könnte. Die so entstandene Musik illustriert nicht im Sinne von Programmmusik die Fraktale, sondern erweist ihnen lediglich durch Querverweise in Struktur und Materialbehandlung ihre musikalische Referenz. Diese konstruktivistischen Aspekte sind natürlich kognitiv kaum erfassbar, doch sind sie für den Komponisten eine Art Leitfaden bzw. ein Gerüst oder eine gewählte Form, in die hineinkomponiert werden kann, so wie ein Autor sich für eine Sprache, einen Sprachstil entscheidet oder gar einen neuen Sprachstil prägt. Die musikalische Übertragung der ästhetischen Aspekte, also die Aufgeregtheit, das Flattern der Ränder, die unscharfen Konturen, dies alles kann sehr wohl vom Hörer aufgenommen. Das Stück soll vom Hörer nicht "verstanden" werden (so wie man ein mathematisches Gleichungssystem nachvollzieht), die Komposition ist ja auch nicht das Ergebnis eines zuvor berechneten Automatismusses; vielmehr kann der Zuhörer das Werk sinnlich (mit den Ohren, nicht mit dem Intellekt) erleben und (wenn es seinen Gefallen findet) genießen. Warum Renaissanceflöten? Die fraktale Mathematik versucht grundlegende Bauprinzipien der Natur und damit auch des Lebens aufzuspüren, Gesetzmäßigkeiten, die die Molekülbewegungen in einem Hurricane beschreiben oder aber die Molekülbewegungen des Gehirns, wenn man niest. Manche fraktale Bilder haben eine frappierende Ähnlichkeit mit exotischen Farnen oder mit dem Kristallgitter eines Diamanten. Das Werk entstand in enger Zusammenarbeit mit Flautando Köln als Auftragskomposition des WDR für das Westfälische Musikfest 2001. Frank Zabel |
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