Aktualisierung: 16. September 2005

Wege aus der Eintönigkeit

Wege aus der Eintönigkeit - MultiDimensionaler InstrumentalUnterricht

oder: Die Wiederentdeckung und Weiterentwicklung fast vergessener Unterrichtsformen Frankfurt a.M. 1999, Zimmermann ZM 00025, 328 S.

Gerhard Wolters (Reinhard Stein & Christine Bisle)

Wer sich einmal sorgfältig mit der hervorragenden Publikation des Verbandes deutscher Musikschulen ,,Neue Wege in der Musikschularbeit" beschäftigt hat, ist sicherlich auf das Konzept des Multidimensionalen Instrumentalunterrichts gestoßen. Seiner Darstellung wird ein erstaunlich breiter Raum gewährt. Bei der Lektüre mag man zunächst noch einverstanden sein, wenn die Rede davon ist, dass ,,die zukünftige Musikschularbeit einfach ganz anders sein muß als heute", damit das musikalische Lernen erlebnishafter und abwechslungsreicher werde. Wenn man dann jedoch liest, in welchem Ausmaß der Instrumentalunterricht hinsichtlich seiner Organisation umgekrämpelt werden kann bzw. soll, ist man zumindest etwas irritiert. Führt die entschiedene Veränderung des Unterrichts in sieben Dimensionen tatsächlich dazu, dass man lebendiger und stressfreier arbeiten kann und vor allem auch bessere pädagogische Ergebnisse erzielt? Und außerdem: wie kann das funktionieren, zu flexiblen Zeiten in mehreren Räumen mit mehreren ,,Unterrichtspartnern" unterschiedlichen Alters und Niveaus und gar noch mit verschiedenen Instrumenten zu ,,unterrichten"? Immer mehr Fragen brechen hervor, je intensiver man sich mit dem nur knapp skizzierten Konzept beschäftigt. Denn nun beginnt man zu ahnen, welches Innovationspotential dieses Konzept eigentlich darstellt.

Man hat nun zwei Möglichkeiten, das weitreichende und hochinteressante Modell gründlich kennenzulernen: eine der zahlreichen Fortbildungsseminare zu besuchen, die der Leiter der Musikschule Borken Gerhard Wolters anbietet, oder das Buch ,,Wege aus der Eintönigkeit" zu lesen. Spannend ist es allemal, auf die vielen Fragen weit mehr Antworten, als man vielleicht erwartet hatte, zu erhalten und zwar direkt aus einer jahrelangen, ergebnisreichen Praxis.

Bevor ich das Buch nun bespreche, möchte ich meine eklatante Voreingenommenheit als Rezensent bekennen. Ich habe nicht nur ein Fortbildungsseminar bei Herrn Wolters erlebt, ich habe auch einen Nachmittag lang vor Ort den Unterricht hospitiert. Und daraufhin las ich mit großer Begeisterung und voller Erwartungen die Publikation.

Von der Qualität des Buches kann man sich, so meine ich, schnell überzeugen. Der Text ist übersichtlich und wohldurchdacht gegliedert. Der Leser vermag sich also schnell zurechtfinden. Zahlreiche Fotos, Grafiken und Tabellen veranschaulichen die vielschichtige Materie. Der Sprachstil ist immer verständlich und klar. Manches wird an passender Stelle sinnvoll wiederholt, sodass sich immer wieder ein tieferes und genaueres Verständnis für die Zusammenhänge der komplexen Musikschularbeit bildet. Und da die alltägliche Unterrichtspraxis voller Überraschungen ist und immer wieder neue Facetten zeigt, findet man zu allen wesentlichen Punkten eine Fülle von Beispielen. Schließlich macht auch das aussagekräftige und umfangreiche Inhaltsverzeichnis das Buch zu dem, was es sein will: ein Arbeitsbuch und Nachschlagewerk, das der Leser individuell nach seinen akuten Bedürfnissen ,,vielseitig" nutzen kann. Nun allerdings soll hier die Sache selbst noch einmal in gebührendem Maße zur Sprache gebracht werden.

Anliegen der Autoren ist es, aus der Praxis heraus die Organisation des Unterrichts entstehen zu lassen, die eine zukunftsorientierte offene Musikschule entwickeln hilft. Tragfähig wird die neue Struktur jedoch nur, wenn möglichst alle wichtigen Dimensionen des Unterrichts in einen allmählichen und behutsamen Veränderungsprozess einbezogen werden. Damit komme ich wieder auf die oben angedeuteten sieben Dimensionen zu sprechen.

Lernen mit zwei - oder besser mehreren - Unterrichtspartnern: Damit regen die Autoren Schüler wie Lehrer dazu an, sich nicht auf ihre Rolle zu fixieren, sondern wahrhaft partnerschaftlich miteinander zu kommunizieren. Lehren und Lernen, genauer gemeinsames Lernen, soll zu einem Erlebnis werden und alle Beteiligten für Veränderungen in den anderen Dimensionen öffnen.
Lernen in mehreren Unterrichtsräumen: Stehen zwei Räume zur Verfügung, so kann man bereits simultan unterrichten oder Schüler selbstständig üben bzw. sich einspielen lassen.
Lernen in flexiblen Unterrichtszeiten: Das heißt grundsätzlich: mehr Zeit und Ruhe für alle Lernprozesse. Je nach Motivation, Lernrhythmus oder Lerngegenstand wird kürzer oder länger unterrichtet, wird Einzel-, Partner- oder Gruppenunterricht erteilt. Keinesfalls jedoch soll die Uhr auf den Fluss des natürlichen Lehr- und Lerngeschehens ihre Tyrannei ausüben, zumal das Zeitscheibenmodell jedem Schüler nicht nur die Minimalzeit garantiert, sondern in der Regel mehr Unterricht fürs Geld gewährt.
Lernen mit mehreren Lehrkräften: Im Team-Teaching lernen die Lehrkräfte voneinander, räumen sich gegenseitig die Chance ein, bevorzugt das zu unterrichten, was ihnen besonders gut liegt, und optimieren auch für die Schüler arbeitsteilig die Lernprozesse.
Lernen mit Partnern verschiedenen Alters: Wenn man Lerngruppen zusammensetzt, ist die Orientierung am Alter nicht mehr sinnvoll. Das Alter sagt heute kaum noch etwas über den Entwicklungsstand eines Kindes oder Jugendlichen aus.
Lernen mit Partnern verschiedenen Niveaus: Fortgeschrittene Schüler können Mitschüler beim Üben betreuen und so lernen, indem sie lehren.
Lernen verschiedener Instrumente: Vieles kann fächerübergreifend im Team-Teaching gelehrt werden. Daraus kann wiederum ganz natürlich das Ensemblespiel erwachsen. Und mancher Schüler beginnt aus der hautnahen Begegnung heraus, sich brennend für ein zweites Instrument zu interessieren. Vielleicht ist das ,,zweite" Instrument sein eigentliches Wunschinstrument.
Die grobe Charakterisierung der Dimensionen vermittelt zunächst einmal einen Eindruck von der Weite der Konzeption. Das Buch gibt selbstverständlich weitläufig Auskunft über die virtuose Ausgestaltung und die zahlreichen Nuancierungen jeder Dimension. Hervorzuheben ist, dass Veränderungen in der einen Dimension ein doppeltes Gewicht erhalten, wenn Veränderungen in anderen Dimensionen hinzutreten. Denn die Dimensionen sind natürlicherweise miteinander verflochten.

Die Autoren verschweigen keinesfalls, dass immer wieder Probleme auftreten. Aus einer mehrjährigen, gründlichen Praxiserfahrung heraus können sie jedoch erstaunlich viele Lösungen anbieten. So wird denn auch ihr Versprechen glaubwürdig, der multidimensionale Unterricht bewirke, dass die Schüler effektiver üben, motivierter lernen, niveauvollere Leistungen erbringen, das angenehme Klima überaus schätzen und den gleichfalls motivierten, leistungsfreudigen und zufriedenen Lehrkräften eng verbunden sind.

Die Bedeutung und Reichweite des ,,MultiDimensionalen lnstrumentalUnterrichts" bleibt noch unabschätzbar. Ich wage jedoch die Behauptung, dass gegenwärtig kein anderes Konzept für die Musikschularbeit derart vielversprechend und zukunftsweisend ist wie dieses. Insbesondere den kritischen Musikschullehrkräften möchte ich meine Meinung kurz begründen und sie einladen, einen Blick auf die Grundschuldidaktik zu werfen. Die in Regensburg lehrende Professorin für Grundschuldidaktik Maria Fölling-Albers legte 1992 eine bemerkenswerte Studie mit dem Titel ,,Schulkinder heute - Auswirkungen veränderter Kindheit auf Unterricht und Schulleben" vor. Mit großer Eindringlichkeit stellt sie dar, was Grundschullehrkräfte bewegt und in welche Richtung ihre pädagogischen Visionen zielen. Die deutliche Mehrheit der Grundschullehrkräfte wünscht sich: mehr Zeit sowohl für die Gesamtklasse als auch für den einzelnen Schüler; flexibler mit der Zeit umgehen und auf den 45-Minuten-Takt verzichten; mehr Verschnaufpausen; offener, lebendiger, spielerischer und abwechslungsreicher unterrichten; mit Kollegen/innen gemeinsam unterrichten; die unterschiedlichen Lernaktivitäten auf mehrere Räume verteilen; die Klasse in kleine Gruppen aufteilen und selbständig Aufgaben wählen und bearbeiten lassen....

Ich glaube, die meisten Musikschulkolleginnen und -kollegen würden ihre Kinder gerne in die Hände einer Grundschullehrerin geben, die genau so unterrichten könnte, nämlich multidimensional.